Interview

Henning Rabe über Kunst, Reisen und die Einsatz-Romane

Über Bruchstellen, Perspektiven und das Erzählen fernab glatter Gewissheiten.

Henning Rabe

"Ich habe die Massenbegeisterung immer verdächtig gefunden."

Aus dem Gespräch über Kunst, Haltung und den neuen Roman Einsatz in Donezk.


Autor: In der DDR gab es eine starke gesellschaftliche Gleichschaltung. Entweder man war dafür oder dagegen. Welche Rolle spielte dieser Hintergrund für deinen künstlerischen Weg?

Henning Rabe: Diese Gleichschaltung hat man einfach ignoriert, sich abgekoppelt. Man hat sich eben Alternativmedien zugewandt, das war in Berlin bei Radiosendern aus fünf Ländern auch keine große Kunst. Ich komme aus einer Generation, die für ein hohes Maß an Individualität gekämpft hat. Wir haben eine eigene, differenzierte Meinung entwickelt und diese auch laut ausgesprochen. Dieser Kampf um persönliche Freiheit führte zu einer Explosion der Kunstszene in den Städten wie Berlin oder Dresden, die viel Energie und Freude freigesetzt hat.

Gleichzeitig gab es wie heute auch andere Formen der Gleichschaltung: Moden, Popkultur, Stars, Fanbewegungen. Auch die habe ich mir vorgenommen – und humorvoll aufs Korn genommen.



Autor: Wie genau – wie nimmt man Gleichschaltung aufs Korn?

Henning Rabe: Ich habe als Stand-up-Comedian angefangen. Kleine Bühnen, viel Rauch, wenig Glamour. Vorbilder wie Andy Kaufman – Leute, die Desillusion zur Kunstform machen. Entertainment mit Selbstironie. Antihelden, die an ihrer eigenen Mission scheitern.

Meine Kunst war von Anfang an ein Humor, der mit Verkleidung arbeitet, mit Rollen, mit Übertreibung und Persiflage. Heute würde man wahrscheinlich sagen: kulturelle Aneignung. Ich nenne es: despektierliche Imitation. Und je überzogener die Imitation, desto besser der Abend.

So entstand auch „Iron Henning“ – anfangs eine Persiflage auf pathetische 80er-Jahre-Rock-Bands – immer kurz vor dem Abgrund mit einem Sänger, der permanent durch alle Erwartungen kracht. Und plötzlich hatten wir ein echtes Publikum, gewannen sogar den Berliner Senatsrockwettbewerb und veröffentlichten zwei Singles und vier Alben. Das Projekt verselbstständigte sich.

Mein Ziel war immer, die Erwartungshaltung des Publikums herauszufordern – oder bewusst zu enttäuschen. Rau, schwer verdaulich, humorvoll und unbequem. Ich wollte Idole von ihrem Sockel holen, Scheitern zeigen. Bei einem Death-Metal-Festival trat ich als okkulter Death-Metal-Sänger auf und spritzte Ketchup aus einer Babypuppe, die ich geschlachtet hatte, ins Publikum; anderswo persiflierte ich Schlagersänger mit selbstkomponierten überzogenen Liebesballaden. Es ging darum, Dinge zusammenzubringen, die nicht zusammengehören, und Reibung zu erzeugen.

1991 haben wir den DDR-Klassiker „Kleiner Trompeter“ als Death-Metal-Version veröffentlicht – eines der melancholischsten Lieder der DDR über die Aufopferung für den Sozialismus als Musiker bis in den Tod. Das war bewusst als Zumutung gedacht. Und das Publikum hat das verstehend gefeiert.

Heute stehe ich selbst nicht mehr auf der Bühne. Aber meine Romanfiguren übernehmen dieses Spiel: Charaktere, die zwischen Systemen herumirren, ihre Berufung suchen und doch nicht so recht im sogenannten Erfolg unserer Zeit ankommen.



Autor: Machst du noch Musik?

Henning Rabe: Ich liebe Musik, aber ich stehe nicht mehr als Sänger auf der Bühne. Das bin ich irgendwie nicht mehr. (Die Vielfalt von Musik hat mich aber immer inspiriert.) Mein hauptsächlicher Berührungspunkt mit Musik ist nun das Auflegen. Gucken, wie ich möglichst viele Leute glücklich mache. Ich will, dass sie strahlen und die Arme in die Luft fliegen. Deshalb lege ich seit fast drei Jahrzehnten ein paar Mal im Monat in mehreren Berliner Clubs auf – als Resident-DJ.



Autor: Du hast zahlreiche Reiseberichte veröffentlicht. Wohin haben dich deine Reisen geführt?

Henning Rabe: Alexander von Humboldt sagte einmal: „Die gefährlichste aller Weltanschauungen ist die Weltanschauung derer, die sich die Welt nie angeschaut haben.“

Ich finde, das Reisen sollte dem Schreiben vorausgehen. Nicht im Sinne von „Reisebericht als Produkt“, sondern im Sinne von: Geh hin, bevor du urteilst. Karl May hat’s anders gemacht – ich nicht. Ich reise, ich schaue hin, ich spreche mit Menschen, ich dokumentiere – in Notizbüchern, in Fotoserien, in Berichten. Einiges erschien bereits, das meiste wartet noch in meinen Notizbüchern. Viele Eindrücke fließen später in meine Romane ein.

In unserer heutigen Zeit wird jede Erwartung durch irgendeine Dienstleistung an jeder Ecke erfüllt. Dadurch ist eine Hyper-Sensibilität entstanden. Mich interessiert das Leben jenseits eingefahrener Systeme. Orte, an denen es weniger komfortabel sein mag, aber aus meiner Sicht menschlicher, unmittelbarer, ungeschminkter. Regionen, die nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion eine Zwischenwelt bilden: zwischen alten Strukturen und neuen Realitäten, zwischen Vergangenheit und Zukunft.

Das sind Welten, die mich anziehen: Kirgistan, die Ukraine, Armenien, Georgien, alte Industriestädte, Wüsten, Gebirge, hässliche Vororte, beeindruckende Ruinen. Da, wo der Putz bröckelt, sind die Geschichten meistens am besten.

Ich lese dort, ich schaue Filme. In Cottbus bin ich offizieller Kritiker beim osteuropäischen Filmfestival. Und ja, ich war auch in den USA, habe ein halbes Jahr in Japan gelebt. Aber die osteuropäischen Zwischenwelten haben eine besondere Temperatur, die mich nicht loslässt.



Autor: Was davon landet in deinen Büchern?

Henning Rabe: Alles wird möglicherweise verarbeitet – außer Postkarten-Idyllen. Mich interessieren die Risse, nicht die Aussichtspunkte. Ich schreibe über Menschen, die mitten in diesen Rissen leben. Über Orte, in denen die Infrastruktur noch an die alte Welt erinnert, aber die Realität längst weitergezogen ist.

Ich mag die romantische Unvollkommenheit. Das Chaotische, das Improvisierte. Das, was nicht rundgelutscht ist. Meine Texte sind eine Mischung aus Poesie, Reportage und Abenteuer. Kein Reiseführer. Eher ein seismografisches Protokoll.

Meine Bücher sind keine Reiseberichte im klassischen Sinn. Sie sind eher ein Destillat von Eindrücken, Menschen, Bildern, Atmosphären. Ich schreibe über das, was zwischen den Systemen liegt – über das, was man nicht in Programmen oder offiziellen Erzählungen findet. Mich interessieren Bruchstellen, Übergänge, Unschärfen.



Autor: Autor: Nach mehreren Reiseerzählungen und Romanen ist nun dein zweiter„Einsatz“-Roman im Blond-Verlag erschienen. Worum geht es in „Einsatz in Donezk“?

Henning Rabe: Wieder einmal gerät Agent Eisenmann in ein Abenteuer, das ihn an einen aktuellen Krisenherd führt. Auf dem Papier sieht es nach klaren Schwarz-Weiß-Fronten aus – aber plötzlich löst sich dieses Schwarz-Weiß in eine graue, klebrige Gemengelage auf. Überschneidungen, Verstrickungen, Missverständnisse, Interessen – so wie im echten Leben.

Ich will keine bequemen Erwartungen bedienen: Wer eine einfache, eindeutige Lagerzuordnung sucht – „für die einen, gegen die anderen“ – ist bei mir falsch. Nicht zu erwarten ist eine Pro-Haltung für eines der Lager. Bei mir werden alle Seiten gleichermaßen gegeneinander ausgespielt und provoziert. Das lässt sich in meinen Romanen einfach nicht vermeiden.

Eisenmann ist in gewisser Weise aus der Zeit gefallen. Ein Antiheld, irgendwo zwischen Nostalgie, Chaos und existenzieller Knappheit. Meine Protagonisten sind Provokationen: Sie liegen richtig und falsch zugleich. Ihre Welten sind verwoben, widersprüchlich, und eben deshalb lebendig.

Wie Eisenmann selbst ist die Erzählung kantig. Wer ein glattgebügeltes, lineares Erzählfernsehen auf Papier erwartet, wird stolpern, denn es gibt zwei Erzählweisen, die von Kapitel zu Kapitel springen: Die Perspektive von Agent Eisenmann ist in der Ich-Form geschrieben, die andere, amerikanische aus der auktoriale, also quasi allwissenden Erzählperspektive. Beide Stränge, der in Berlin und der in New York beginnende werden aufeinander zugetrieben – bis es zum Kontakt kommt.



Autor: Was zeichnet deine „Einsatz“-Romane aus?

Henning Rabe: Interessant ist vielleicht, dass die Romane aus einer einzigen Videotext-Meldung entstehen. Was diese Meldung zu aktuell-politischen Ereignissen vorgibt, male ich aus und erzähle es bis zum Ende. Es ist ein Spiel mit der Realität, die an sich schon Schlagseite hat.

Agent Eisenmann ist kein Superheld, er ist ein Mensch aus Fleisch und Blut. Natürlich ist er nicht gerade zimperlich, aber er hat auch Empathie, er reflektiert und zeigt Gefühle. Er macht für uns die Drecksarbeit, sorgt für Gerechtigkeit, und das ist eine Sache, wo man ihm auch gut folgen kann. Der Leser würde vielleicht kein Bier mit ihm trinken gehen wollen, aber er kann ihn gut verstehen. Wenn er in Action ist, sieht er für mich übrigens aus wie Liam Neeson.



Autor: Auf dem Cover sieht man einen ukrainischen und einen russischen Soldaten, die sich die Hände reichen. Welche Bedeutung hat das?

Henning Rabe: Es zeigt eine Schlüsselszene, der mehrere überraschende Wendungen vorausgehen. Wir haben dieses Motiv gewählt, weil es einen Wunsch vieler Menschen ausdrückt – nach einem Moment der Versöhnung, unabhängig von politischen Lagern.

Gleichzeitig ist dieser Wunsch nach Versöhnung heute irritierenderweise eine Provokation. In einer Zeit, in der sich Menschen in Lager sortieren, kann ein Handschlag plötzlich als Zumutung gelten. Das Cover ist für viele genau der Punkt, an dem man überlegen muss: Was empfinde ich da gerade eigentlich?



Autor: Nimmst du in deinen Romanen eine politische Position ein?

Henning Rabe: Ich vermeide Lagerzuordnungen. Ich bin weder „pro“ noch „contra“ irgendeines Landes im Sinne von Fan-Block. Mich interessieren Menschen, nicht Fahnen.

Meine Figuren bewegen sich in Konflikten, in denen es keine sauberen Hände gibt. Alle Seiten haben Gründe, alle Seiten haben Schuld. Ich spiele diese Seiten gegeneinander aus, weil ich glaube, dass das ehrlicher ist als jede Hymne auf „die eine richtige“ Seite.

„Reisen ist mein Korrektiv – und Eisenmann mein Werkzeug“



Autor: Was vereint deine verschiedenen Kunstformen – Stand-up, Band, DJ, Fotografie, Reisen, Romane?

Henning Rabe: Das andere, das Besondere zu suchen. Und eben Provokation. Nicht im Sinne von Skandal, sondern im Sinne von Reibung: Erwartungen unterlaufen, Perspektiven verschieben, vertraute Muster stören. Es ist immer ein leichtes Scharren am Lack der Gewissheiten.

Reisen ist dafür meine Schule. Musik, Texte, Filme – das sind nur verschiedene Werkzeuge. Agent Eisenmann ist ein weiteres. Er rennt in Situationen, in die viele von uns innerlich nie hinein wollen – aber trotzdem dauernd darüber reden.



Autor: Was ist deine Botschaft?

Henning Rabe: Die Botschaft hinter allem ist ziemlich simpel:
Widme dich deinem eigenen Leben, statt nur Massenphänomenen hinterherzurennen. Schalte dein eigenes Gehirn ein.

Geh offen durch die Welt, reduziere deine Erwartungen – an andere, an Systeme, an Perfektion. Und vor allem: Lies lieber ein gutes Buch als stundenlange Chats. Filtere aus dem, was Dir an Nachrichten geboten wird, nur das Essentielle, das Faktische heraus. Lass dich nicht erziehen.




Das Interview wurde geführt von Daniel Schwarz.